Friday, January 13, 2006

2. Essay

Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln?

Boas und seine Nachfolger

Von vielen wird Franz Boas (1858-1942) als der Gründervater der amerikanischen Anthropologie bezeichnet. Er gründete erste Departments, machte eine Vielzahl von Studien, bildete NachfolgerInnen aus, die entweder seinen Ansatz des Kulturrelativismus weiterentwickelten oder von ihm abwichen.
Was besagt der Kulturrelativismus, wie wurde er von Boas SchülerInnen weiterentwickelt, und welche andere Neuheiten führte er in die amerikanische Anthropologie ein?

Franz Boas wurde am 9. Juli 1858 in Minden, Westfahlen, geboren. Die Religion, die er und seine Familie pflegten war das Judentum. Zunächst machte er eine naturwissenschaftliche Ausbildung und studierte Physik, Mathematik und Geographie. 1883 ging er nach Baffin Island, um geographische Studien bei den Inuit zu machen. Man kann diese Forschungsreise getrost, als seine erste Feldforschung bezeichnen.
Danach kehrte er für ein Jahr nach Deutschland zurück und arbeitete unter den Ethnologen Adolf Bastian am Royal Ethnological Museum in Berlin. In Berlin hatte er auch den physischen Anthropologen Rudolph Virchow kennen gelernt.
Nach einer weiteren Feldforschung an der Nordwestküste Nordamerikas entschied er sich 1887 in der USA sesshaft zu werden. Gründe für die Emigration aus Deutschland sind unter anderen der immer stärker werdende Antisemitismus und Rassismus, aber auch die fehlende Möglichkeit eine akademische Karriere als studierter Geograph einzuschlagen.
Von 1896 bis 1936 lehrte er an der Columbia University, und schon bald machte er seine Abteilung zum Mittelpunkt der anthropologischen Forschung in der USA.

[1] „Although cultural relativism had been introduced more than a century before, it was Boas who made it a central premise for anthropological research“. Der Kulturrelativismus stellt eine Reaktion auf den Evolutionismus und den Rassismus dar. Er ist auch eine Gegenströmung des Ethnozentrismus ([2] ´eine Weltanschauung, nach der die eigene Gruppe das Zentrum aller Dinge ist und alle anderen im Hinblick auf sie eingestuft und bewertet werden`(W. G. Sumner)). Der Kulturrelativismus besagt, dass eine Kultur nur aus sich selbst heraus erklärbar ist (emische Sichtweise). Daraus folgt: [3] „Das Verstehen einer anderen Kultur ist generell nur schwer möglich, aber Ethnien miteinander zu vergleichen und deren Unterschiede zu verstehen ist noch schwerer.“ Außerdem betonte Boas den Holismus (Kultur wird als funktionales Ganzes betrachtet).
Ein weiterer wichtiger Begriff den Boas gebrauchte, war der des „historischen Partikularismus“. Dieser meint, dass jede Kultur ihre eigene Entwicklung und Geschichte hat und deswegen ist es unmöglich ein allgemeines Gesetz zu entwerfen, wie sich Kulturen entwickeln. Dies steht im Gegensatz zu der Lehre von Lewis Henry Morgan. Außerdem lehnte er die Theorie der Überlegenheiten von Kulturen und Rassen, wie es der Evolutionismus propagiert, ab.

Er machte mehrere Feldforschungen bei den Kwakiutl, einen Indianerstamm im Nordosten der Insel Vancouver und auf dem gegenüberliegenden Festland von British Columbia. Obwohl sie Jäger und Sammler sind, sind sie trotzdem sesshaft. Obwohl sie nach dem Evolutionismus des Morgans an der untersten Stufe der Entwicklung stehen und somit ein hartes Leben ohne Luxus führen müssten, traf Boas eine völlig andere Situation vor. Sie hatten ausreichend Nahrung zur Verfügung, auf Grund des Lachsfanges; ihr Kunsthandwerk war sehr ausgeprägt und sie hielten sich sogar Kriegsgefangene als Haussklaven. Aber vor allem die Tradition des Potlatch widersprach dem Evolutionismus. Potlatch, was übersetzt soviel wie „geben“ bedeutet, war (wird in veränderter Form auch heute noch praktiziert) ein Geschenksaustauschritual. Der Gastgeber verteilt Geschenke und erwartet sich, dass er nach einiger Zeit Gegengaben erhält. Das Geben der Geschenke ist ein Ausdruck des Wohlstandes und es ist mit Prestigegewinnung und mit Einfluss in der Gesellschaft verbunden. Für die Kwakiutl ist das Ansehen, die Prestige wichtiger als das Materielle. Diese Haltung kann sogar bis zum Ruin einer Familie führen.
Um die Kultur der Kwakiutl besser zu erforschen, erlernte er, gemäß seiner eigenen Überzeugung, ihre Sprache.

Franz Boas setzte Kultur mit Sprache gleich. Um eine Kultur zu verstehen muss man ihre Sprache beherrschen. Somit ist eine Kultur für Außenstehende, die die Sprache nicht von Klein auf gelernt haben, nur sehr schwer verständlich. He demanded that ethnographers should conduct [4] “their fieldwork in the native language, and through use of the language, gaining an insider view’s of the culture under study.”
Für ihn war die Feldforschung – er machte insgesamt zwölf - ein wichtiger Bestandteil der Anthropologie, aber die Sprache und die Beschreibung der Kultur waren noch wichtiger.

1911 erschien sein bekanntestes Werk „The Mind of Primitive Man”. Dieses Buch schrieb er um den aufkommenden Rassismus in Amerika und in der Welt entgegen zu treten. Boas argumentierte, dass die weiße Rasse keiner anderen intellektuell überlegen ist, sondern dass sie sich momentan in einer begünstigten Lage befindet. Außerdem ist laut ihm, die Einteilung einer Kultur in “primitiv” und „zivilisiert“ haltlos, da jede Kultur sowohl Elemente von Primitivität als auch von Zivilisiertheit aufweißt.
Die meisten seiner Arbeiten beschränkten sich aber auf spezifischere Themen, wie Kunst (z.B.: das Werk: „Primitive Art“ (1926)), Sprache oder Mythologie.
Weitere wichtige Bücher sind: „Anthropology and Modern Life“ (1928) und „Race, Language and Culture” (1940).

Boas strukturierte den Lehrplan an den Universitäten neu, indem er die “four-field structure”, die ursprünglich für die Erforschung der Indianer verwendet wurde, einführte. Das heißt, beim Studium der Cultural Anthropology werden nicht nur Kulturanthropologie/Ethnologie, sondern auch Linguistik, biologische Anthropologie und prähistorische Archäologie gelehrt.

Franz Boas starb am 22. Dezember 1942 in New York, doch sein Ansatz des Kulturrelativismus und sein Einfluss auf die amerikanische Anthropologie bleibt bestehen.
[4] Er hatte drei Generationen von SchülerInnen ausgebildet, die entweder den Kulturrelativismus streng befolgten (z.B.: Robert Harry Lowie), sich gegen ihn auflehnten (z.B.: Alfred Louis Kroeber, Edward Sapir), oder diesen weiterentwickelten (z.B.: Ruth Benedict, Margaret Mead).


Die Weiterentwicklerinnen des Kulturrelativismus

Ruth Benedict (1887-1948)
Ruth Benedict wurde am 5. Juni 1887 in New York geboren. 1921 begann sie ihr Studium der Anthropologie an der Columbia Universität und bereits 1923 schrieb sie ihre Dissertation unter Franz Boas. Danach wurde sie seine Assistentin.
Benedict führte Forschungen über die Serrano Indians (1922), Zuni, (1924), Apache (1931) und Blackfoot Indians (1939) durch.

Ihr Hauptwerk ist “Patterns of Culture” (1934). Der Einfluss von Franz Boas ist in diesem Werk klar erkennbar, aber trotzdem unterscheidet es sich von Boas Werken, da Benedict den psychologischen Aspekten mehr Platz einräumt. Darin vergleicht sie die drei Völker: Die Zunis in New Mexico (erforscht von Ruth Bunzel, Frank Crushing, Ruth Benedict (1924), u.a.), die Kwakiutl (erforscht von Boas) und die Dobuans in Melanesien (erforscht von Reo Fortune).
Die Zunis werden von Benedict als apollinisch beschrieben, da sie ein harmonisches, nach strengen Regeln geordnetes Leben führen. Sie haben Sonnen-, Kriegs-, Heil- und Todeskulte und bei ihnen existiert kein Unterschied zwischen Gut und Böse. Die Dinge sind so wie sie sind. Auch gibt es keine tiefen Gefühle zwischen Männern und Frauen.
Die Kwakiutl beschreibt sie als dionysisch. Sie sind das Gegenstück zu den Zunis, denn sie sind exzessiv und leidenschaftlich. Die Kwakiutl sind streitsüchtig und es herrscht große Rivalität untereinander. In ihren Zeremonien wird dem Trance eine große Rolle zugeordnet.
Die Dobuans hingegen leben in ständiger Angst voreinander. Vorherrschend ist bei ihnen Verrat und Feindschaft und eine wichtige Rolle spielt die Hexerei.

Bei ihrem Vergleich kommt sie zum Schluss, dass Normalität immer an eine spezifische Kultur gebunden ist, denn etwas das in einer Gesellschaft als normal angesehen wird, muss in einer anderen Kultur nicht als normal gelten. Jede Kultur entwickelt eine begrenzte Anzahl von „Mustern“ (patterns), die das Denken und Fühlen der einzelnen Personen prägt.
Nach Benedict gibt es auch in jeder Kultur einen idealen Persönlichkeitstypus.

Weiters verfasste sie die Bücher "Psychological Types in the Culture of Southwest" (1928), "Zuni Mythology" (1935) und "Race: Science and Politics" (1940).

Ihr letztes Buch ist “The Chrysanthemum and the Sword” (1946), welches eine Kultur- und Charakterstudie über die Japaner - Gegner der Amerikaner im 2. Weltkrieg - ist. Sie schrieb es im Auftrag des „American Office of War Information“. Es ist ein Beispiel für eine Studie für [5] „culture at a distance“, denn sie hatte nie selbst Feldforschungen in Japan gemacht.
Sie starb am 17. September 1948 in New York.


Margaret Mead (1901-1978)
Margaret Mead wurde am 16. Dezember 1901 in Philadelphia geboren. Sie studierte an der Columbia Universität bei Franz Boas, der sie sehr stark beeinflusste, auf Grund seiner Position als Leiter der Anthropologischen Abteilung, und bei Ruth Benedict, mit der sie ein freundschaftliches Verhältnis verband.
Ihre erste Feldforschung von insgesamt 14, machte sie von 1925 bis 1926 in Samoa, wo sie Mädchen an der Stufe zum Erwachsen werden studierte. Daraus resultierte ihr erstes Buch “Coming of Age in Samoa” (1928).
Weltweite Bekanntheit erlangte sie durch ihre Forschungsreisen nach Neuguinea (1931), wo sie bei den Arapesh, Tschambuli und Mundugumor forschte. Dabei fand Mead heraus, dass bei den Tschambuli die Frauen dominieren, so zum Beispiel führen sie alle bedeutenden Geschäfte. Die Männer hingegen beschäftigen sich hauptsächlich mit Tanzen, Malen und Schnitzen, sie tragen Schmucksteine und künstliche Locken und frönen sogar den Klatsch. Das bedeutet, dass bei den Tschambuli die Frauen Eigenschaften besitzen, die bei uns als "männlich" angesehen werden und die Männer Eigenschaften haben, die bei uns als typisch "weiblich" gelten. Außerdem entdeckte sie, dass bei den Arapesh die Männer weich und passiv sind, also wieder sogenannte "weibliche" Eigenschaften aufweisen und bei den Mundugumor die Frauen sexuell aktiv sind, also sogenannte "männliche" Eigenschaften aufweisen.
Durch ihre Feldforschungen schien sie nun empirisch belegen zu können, dass die Geschlechterrollen in der Gesellschaft nicht genetisch, sondern kulturell bedingt sind. Ihre Auffassung war, dass Sozialverhalten kulturbestimmt und formbar sei.

Durch den 2. Weltkrieg wurde ihre Reisefreiheit weitgehend eingeschränkt, doch hielt sie dieser Umstand nicht von weiterer Forschungstätigkeit ab. Mead erforschte insgesamt sieben Kulturen im Südpazifik. Sie war eine der ersten Frauen, die umfangreiche Feldforschungen machte und durch Präzision und Genauigkeit auffiel.

Schon früh wendete sie, wie Ruth Benedict, ethnologische und anthropologische Forschungsmethoden, um fremde Kulturen zu untersuchen, an. Gemeinsam mit Ruth Benedict gründete sie das "Institute for Intercultural Studies" am Museum of Natural History in New York. Das Ziel dieses Instituts war es, Vergleiche zwischen Kulturen aufzuzeigen und andere Wissenschaftler für diese Idee der Interkulturalität zu gewinnen.

Mead war Professorin an der Columbia University in New York und Präsidentin der American Anthropological Association und der American Association for the Advancement of Science. Ihre Erkenntnisse aus den Forschungsreisen fasste sie unter anderem in den folgenden Werken zusammen: "Growing up in New Guinea" (1931), "The Changing Culture of an Indian Tribe" (1932), "Sex and Temperament in Three Primitive Societies" (1935). Sie schrieb mehr als 40 Bücher und zahlreiche Artikeln für bekannte Magazine. Durch ihren romantischen, faszinierenden und einfachen Schreibstil popularisierte sie die Anthropologie.
Ihr Ziel war es, unter anderem, mit ihren Studien über weit entfernte Kulturen ihren Landsleuten zu helfen, sich selber besser zu verstehen.
Mead starb am 15. November 1978 in New York.

Franz Boas, Ruth Benedict und Margaret Mead sind die bedeutendsten Persönlichkeiten der amerikanischen Anthropologie des 20. Jahrhunderts. Franz Boas proklamierte den Kulturrelativismus, Ruth Benedict und Margaret Mead entwickelten ihn weiter, indem sie den Aspekt der Psychologie hinzufügten und somit die Psychologische Anthropologie oder anders genannt die Kultur- und Persönlichkeitsforschung begründeten.


Im Laufe des 20. Jahrhunderts kam es zur Veränderung des Kulturrelativismus

Es kam zur Entwicklung der kognitiven Anthropologie, welche [6] seit den 50er Jahren [eine] eigenständige Forschungsrichtung zur Untersuchung kulturell bestimmter Muster von Wissen und Denken (Kognition) [ist]“
Der amerikanische Linguist und Anthropologe Kenneth Lee Pike (9.6.1912 – 31.12.2000) publizierte im Jahre 1954 den ersten Teil seines Essays „Language in Relation to a Unified Theory of the Structure of Human Behavior“. Darin prägt er die Begriffe „etic“ und „emic“, welche er von den linguistischen Begriffen „phonetic“ und „phonemic“ ableitete.
Etic (etisch) bedeutet die Betrachtung von außen durch einen objektiven Beobachter und verwendet das Wissen und das Vokabular des Beobachters. Diese Betrachtung kommt bei kulturellen Vergleichen zur Anwendung.
Emic (emisch) bedeutet die Betrachtung der Dinge durch Personen, die der jeweiligen Kultur angehören. Diese Betrachtung stellt keine objektive Realität dar. Sie dient zum Verstehen, warum Personen einzelner Kulturen nach bestimmten Mustern handeln.
Anthropologen sollten bei ihren Forschungen beide Sichtweisen berücksichtigen.

In den 60er Jahren griffen Anthropologen Whorfs (Zeitgenosse Boas) Interesse für die Beziehung zwischen der modernen, westlichen Wissenschaft und den indigenen Weltbildern auf. Diese neue Forschungsrichtung in der kognitiven Anthropologie nannten sie „Ethnoscience“.

Die Anthropologen dieser neunen Forschungsrichtung glaubten: [7] „ Die verschiedenen Kulturen ordnen die „Welt“ anders und gehorchen im Umgang mit ihrer Umwelt einer anderen „Logik“.“ Sie wollten diese Anderswertigkeit von Kulturen erfassen, um andersartige kognitive Welten aufzuspüren. Außerdem fragten sie sich: [8] „Wie benennen andere Kulturen die (als solche überhaupt wahrgenommen und auf besondere Weise abgegrenzten) „Dinge“ der Umwelt, und wie werden diese „Benennungen“ untereinander in Beziehung gebracht bzw. organisiert?“
Die Anhänger der Ethnoscience Richtung setzten Kultur mit Wissen (shared knowledge) gleich. Der Anthropologe Ward Hunt Goodenough definiert Kultur folgendermaßen: [9] ´A society’s culture consists of whatever it is one has to know or believe in order to operate in a manner acceptable to its members, and to do so in any role that the accept for any one of themselves … It is the forms of things that people have in mind, their models for perceiving, relating, and otherwise interpreting them … Culture does not exist of things, people, behaviour, or emotions, but in the forms of the things in the mind of people` (Goodenough 1956: 167 – 168, fett von J.W.).

Der bedeutendste Befürworter der Ethnoscience Richtung ist Charles Frake, der an der University at Buffalo, the State University of New York, lehrt. Er untersuchte in seinen Arbeiten sowohl das Esoterische als auch das Weltliche in Bezug auf ökologische Systeme, Interpretation von Krankheiten und Gesetzeskonzepten.

Die Theorien Boas und der Kulturrelativismus gehören nicht der verstaubten Vergangenheit an, sondern haben noch immer Aktualität, werden weiterentwickelt und sind aus der Anthropologie nicht mehr wegzudenken.


Referenzen

[1] ERIKSEN, Thomas Hylland. Small Places, Large Issues. An Introduction to Social and Cultural Anthropology. 2.Aufl.; Pluto Press. London 2001. S.14

[2] STAGL Justin, Ethnozentrismus: aus Wörterbuch der Völkerkunde. 2. Aufl.; Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1999. S. 112

[3] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~tkirrste/kulturrelativismus.html, 26.12.2005

[4] BARNARD Alan. History and Theory in Anthropology. Cambridge University Press. Cambridge 2000. S.101

[5] Die Einteilung beruht auf George Stocking Jr. und ist den Buch:
SILVERMAN Sydel. The United States: aus One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; The University of Chicago Press. Chicago2005. S. 263, entnommen. Auf diese Einteilung ist die gesamte Arbeit aufgebaut und deswegen werden nur Ruth Benedict und Margaret Mead von Boas Schülern als die wirklichen Weiterentwicklerinnen des Kulturrelativismus genauer beschrieben.

[6] KOKOT Waltraud, Kognitive Ethnologie: aus Wörterbuch der Völkerkunde. 2. Aufl.; Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1999. S. 210

[7] WASSMANN Jürg. Kognitive Ethnologie: aus FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003. S.327

[8] WASSMANN Jürg. Kognitive Ethnologie FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003. S.327

[9] WASSMANN Jürg. Kognitive Ethnologie FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003. S.327

Quellen

Bibliographie:
SILVERMAN Sydel. The United States: aus One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; The University of Chicago Press. Chicago 2005
BARNARD Alan. History and Theory in Anthropology. Cambridge University Press. Cambridge 2000
KONECNY Edith, LEITNER Marie-Luise. 8. Aufl.; Braumüller. Wien 2005
ERIKSEN, Thomas Hylland. Small Places, Large Issues. An Introduction to Social and Cultural Anthropology. 2.Aufl.; Pluto Press. London 2001
FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg.). Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003

Lexika:
Wörterbuch der Völkerkunde. begr. von Walter Hirschberg. 2. Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 1999Der Brockhaus multimedial 2005

Friday, November 25, 2005

Essay 1

Émile Durkheim
(1858-1917)

Der Soziologe Émile Durkheim wurde am 15. April 1858 in Épinal (Frankreich) als Sohn eines Rabbiners geboren. Schon früh brach er mit der Religion seines Elternhauses, trotzdem beeinflusste die „Religion“ ihn auf seinem weiteren Lebensweg, insofern dass sie ein wichtiger Bereich seiner Forschung wurde. Er schrieb unzählige Werke über Religion, Gesellschaftsphänomene und über die Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum.
Aber welche Neuerungen, welche Besonderheiten in seinen Werken machen ihn zu einen Theorienbilder des 20. Jahrhunderts und zu einem Inspirator für nachfolgende Forschungsrichtungen, wie den Funktionalismus und den Strukturalismus?

1879 begann Émile Durkheim an der École Normale Supérieure in Paris zu studieren. Nach seinem Studium war er als Lehrer für Philosophie tätig und machte auch einen Aufenthalt in Deutschland. Nach der Rückkehr nach Frankreich, ab 1885 - in den nächsten 15 Jahren - begründete er die französische Soziologie und ist bei ihrer Institutionalisierung als empirische Wissenschaft maßgeblich beteiligt. Für ihn wurden mehrere Lehrstühle für Soziologie eingerichtet unter anderen an der Pariser Universität Sarbonne.

Im Jahre 1893 veröffentlichte Émile Durkheim, sein erstes großes Werk „De la division du travail social“ (Über die Trennung der sozialen Arbeit). In diesem Werk beschäftigte er sich mit der Frage, wie soziale Ordnung in der modernen und in der traditionellen Gesellschaft hergestellt und aufrechterhalten wird. Er führte die Begriffe der organischen und der mechanischen Solidarität ein.
Die organische Solidarität ist ein Ausdruck der modernen Gesellschaft. In der Industriegesellschaft gibt es einen hohen Grad an Arbeitsteilung; an Spezialisierung. Obwohl der Begriff des Individuums eine wichtige Rolle im Bewusstsein der modernen Gesellschaft spielt, muss erkannt werden, dass die Menschen nicht voneinander unabhängig und selbstständig, sondern abhängig von einander sind, weil sie die eigenen Bedürfnisse nicht selbstständig decken können.
In der traditionellen Gesellschaft, in der die Arbeitteilung, die Spezialisierung nicht so stark oder überhaupt nicht ausgeprägt ist, herrscht das Prinzip der mechanischen Solidarität. In dieser Gesellschaft kann jeder seine eigenen Bedürfnisse abdecken - sie sind selbst versorgend. Jeder in dieser kleinen Gemeinschaft ist verbunden mit den anderen durch Gemeinsamkeiten, durch Ähnlichkeiten; sie sind alle Bauern, sie haben alle dieselbe Geschichte, sie entstammen derselben Ethnie, sie haben einen ähnlichen Tagesablauf, sie haben die gleichen Normen, Werte und den gleichen Glauben.

Im Gegensatz zu den Anthropologen vor ihm richtete Émile Durkheim seinen Blick nicht nur auf weit entfernte Kulturen, sondern auch auf die eigene Kultur und versuchte die eigene an Hand von der fremden Kultur besser zu verstehen und verständlich zu machen.

Im Jahre 1898 gründete er die Zeitschrift „L` Année Sociologique“ von der bis 1913 zwölf Ausgaben erschienen. Diese Zeitschrift beinhaltete Monographien und Berichte nicht nur über Soziologie und Anthropologie, sondern aus vielen verschiedenen Disziplinen, die geordnet, gesammelt, systematisch klassifiziert wurden. Mit dieser interdisziplinären Zeitschrift revolutionierte Durkheim die gesamte Sozialwissenschaft in Europa und schaffte somit eine Grundlage, dass die Kultur- und Sozialanthropologie eine Nähe zu den übrigen Sozialwissenschaften entwickelte

1897 entstand das Werk „Le suicide“ (Der Selbstmord). Die Soziologen halten dieses Werk für seine bedeutendste Arbeit. Darin untersucht er das Phänomen des Selbstmords. Er verglich unter anderem die Selbstmordraten von Katholiken und Protestanten. Er untersuchte das Auftreten des Selbstmords in Frankreich und Europa aber auch in außereuropäischen Kulturen und wie dieses Thema in der Gesellschaft behandelt wird.
Er stellte fest, dass es verschiedene Bewertungen eines Themas gibt und daraus folgt, dass es grundlegende Unterschiede zwischen Gesellschaften gibt.
Man vergleiche dazu: Die Akzeptanz des Selbstmordes bei Christen (Verlust der Ehre; Sünde) und die Akzeptanz des Selbstmordes in Ozeanien (Wiederherstellung der Ehre).
Durkheim schreibt, dass die „Anomie“ eine der beiden modernen Hauptgründe des Selbstmordes in der modernen Gesellschaft ist: Anomie ist [1] „a condition of rulelessness in which individuals lose their moorings”. Hervorgerufen wird die Anomie laut Durkheim durch den Rückgang von religiösen Werten und Normen.
Die zweite Hauptursache für Selbstmord ist der Egoismus: [2] „a breakdown of integration, a lack of attachment of individuals to common values, to socially approved relationships, activities, and purposes, isolating and privatizing their lives”. Dass die Anomie und der Egoismus die Hauptgründe des Selbstmordes sind, belegte er durch offizielle Selbstmordraten. So ist zum Beispiel die Selbstmordrate unter Protestanten höher als unter Christen, so bringen sich verheiratete Männer weniger häufig um als allein stehende Männer und so ist die Selbstmordrate höher während wirtschaftlicher Krisen.

1912 entstand sein Werk „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ (Die elementaren Formen des religiösen Lebens), welches für die Anthropologie das bedeutendste von seinen Werken ist.
Wie zu seiner Zeit üblich widmete er sich zuerst der Frage nach dem Ursprung der Religion. Er ging davon aus, dass alle Religionen der unterschiedlichsten Kulturen Gemeinsamkeiten aufweisen – einen gemeinsamen Kern haben. Für ihn war der Totemismus die ursprünglichste Form der Religion, welche man in Australien und Amerika in Stammesgemeinschaften vorfand. Er glaubte den Prototyp von Religion bei den australischen Arunta gefunden zu haben. Diese Stammesgemeinschaften und insbesondere die Arunta „untersuchte“ er, um den gemeinsamen Kern aller Religionen zu finden. Er glaubte, dass es leichter sei, bei den Kulturen, die den Totemismus haben, danach zu suchen, da diese Kulturen nicht so verfälscht sind und die ursprüngliche Religion erhalten haben.
Man muss hier anmerken, dass Durkheim nie selbst Feldforschung machte, sondern alles nur aus zweiter Hand übernahm (Missionare, Reisende usw.).
Der gemeinsame Kern, den alle Religionen haben, ist die Dichotomie zwischen sakral und profan, wobei [3] „das Sakrale etwas von den menschlichen Alltagsgeschäften Abgehobenes, Entrücktes und zugleich Verbotenes, etwas, das den Lebenden zeitlich vorangehe, sie beschütze, belehre, ernähre und dominiere, sie bestrafe und sie letztes Ende auch überlebe“, ist. Und profan ist der Rest – alles was keine religiöse Funktion hat oder eine religiöse Bedeutung. [4] „In general, those aspects of social life given moral superiority or reveance are considered sacred, and all other aspects are part of the profane.”
Émile Durkheim war der Meinung, dass die einzige übermenschliche Kraft, mit der der Mensch konfrontiert wird, die Kollektivvorstellungen (représentations collectives –Vorstellung der Gesellschaft) sind. Ein Mensch, der in eine Gesellschaft hineingeboren wird, findet diese kollektiven Vorstellungen (Norme, Institutionen) als gegeben vor und es liegt bei weiten außer seinem Machtbereich diese Vorstellungen zu verändern. Es bleibt ihm zwangsweise nichts anderes übrig als diese Vorstellungen zu akzeptieren, zu verinnerlichen. [5] Religion sei (…) nichts anderes als eine Transformation der übermächtigen représentations collectives in sakrale Symbole“ und [6] auch „Götter sind nichts anderes als Embleme ihrer jeweiligen Gesellschaft“.
Um nicht seiner Theorie der kollektiven Vorstellungen selbst zu widersprechen, schließt er alle nicht-öffentlichen Praktiken aus seiner Definition von Religion aus, so z.B.: die Magie.
Der britische Ethnologe mit polnischer Herkunft Bronislaw Malinowski übernahm die strikte Trennung von Religion und Magie.

„De la division du travail social“, „Le suicide“ und „Les formes élémentaires de la vie religieuse“ sind seine drei bedeutendsten Werke, aber natürlich behandelte er auch verschiedene andere Themen, wie Bildung, Familie, Tabuisierung von Inzest, Verbrechen, Moral und vieles mehr.

Am 15. November1917 starb Émile Durkheim an einem Schlaganfall in Paris doch seine Ideen und seine Theorien blieben erhalten und beeinflussten seine Zeitgenossenen und die nachfolgenden Generationen.
Seine Zeitgenossen, wie z.B.: Marcel Granet, übernahmen seine Theorien und entwickelten sie in verschiedenen Richtungen weiter. Seine Arbeiten hatten auch Auswirkungen auf andere benachbarte wissenschaftliche Disziplinen in Frankreich, wie z.B. auf die Geschichtswissenschaft (Henri Beer).
Von den Forschern, die große Auswirkungen auf die spätere Anthropologie hatten und von Durkheim beeinflusst wurden, sind Robert Hertz, der Studien über den Tod und über Rechtssysteme machte, Maurice Halbwachs, der an der Theorie der kollektiven Erinnerung arbeitete und vor allem Marcel Mauss zu nennen.
Marcel Mauss war nicht nur der Neffe von Durkheim, sondern auch sein Schüler und Mitarbeiter. Er schrieb viele Arbeiten über Durkheims Themen, wie Religion und Ritual. Trotzdem brach er mit Durkheims Konzept der Dichotomie und machte Durkheims Soziologie komplexer und ausgefeilter. Durch Marcel Mauss beeinflussten Durkheims Theorien den französischen Strukturalismus des Claude Lévi-Strauss und auch Louis Dumont (Arbeit über das indische Kastensystem).
Aber vor allem beeinflusste Durkheim die britische Anthropologie, insbesondere die zwei großen Persönlichkeiten, Radcliffe-Brown und E.E. Evans-Pritchard. Radcliffe-Brown gilt neben Malinowski als der Begründer des Funktionalismus. Er übernimmt von Émile Durkheim die Hinwendung zu naturwissenschaftlichen Methoden in der Analyse von sozialen Strukturen. Evans-Pritchard lobte die Arbeit von Durkheim als eine unentbehrliche und kostbare. Er ist auch verantwortlich für viele Übersetzungen von Durkheim und seinen Mitarbeitern. Der Einfluss von Durkheim ist besonders in seinem Werk Nuer sichtbar.
Die Arbeiten Durkheim beeinflussten aber auch die amerikanische Anthropologie (Talcott Parson).

Émile Durkheim ist wahrhaftig einer der größten französischen Soziologen/Anthropologen und manche nennen ihn sogar neben Karl Max und Max Weber als einen der Gründerväter der Anthropologie in Europa. Er übte nicht nur großen Einfluss auf seine Zeitgenossen aus, die sich ihn anschlossen, mit ihm zusammenarbeiteten und allgemein als Durkheimians zusammengefasst werden, sondern auch auf nachfolgende Generationen, die entweder bewusst oder unbewusst ([7] „even thinkers like Pierre Bourdieu, Michel Foucault, Jacques Derrida, and Jean Baudrillard, who all carefully distanced themselves from Durkheim, can ultimately be situated in the Durkheimian tradition“) der Tradition von Durkheim folgten.
Dass Durkheim in der letzten Zeit weniger häufig zitiert wird oder Erwähnung findet liegt nicht darin, dass seine Theorien und Werke für Nichtig erklärt oder sogar als Überholt angesehen werden, nein, seine Ideen sind so etabliert, dass sie sich zu einer Routine entwickelt haben. (vgl.: PARKIN Robert. The french-speaking countries. S.2)

Referenzen

[1], [2] International Encyclopedia of the Social & Behavioral Science. Neil J. Smelser (Hg);
Stanford, USA, Band 6. S.3900

[3] FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg).. Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.;
Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003, S.208

[4] http://durkheim.itgo.com/religion.html, 19.11.2005

[5], [6] FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg).. Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.;
Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003, S.208

[7] PARKIN Robert: The french-speaking countries: aus One Discipline, Four Ways: British,
German, French, and American Anthropology; The University of Chicago Press. Chicago
2005. S.2

Quellen:

Bibliographie:
FISCHER Hans, Bettina Beer (Hg).. Ethnologie. Einführung und Überblick. 5 Aufl.; Dietrich Reimer Verlag. Berlin 2003
ERIKSEN, Thomas Hylland: Small Places, Large Issues. An Introduction to Social and Cultural Anthropology. 2.Aufl.; Pluto Press. London 2001
PARKIN Robert: The french-speaking countries: aus One Discipline, Four Ways: British, German, French, and American Anthropology; The University of Chicago Press. Chicago 2005

Lexika:
Wörterbuch der Völkerkunde. begr. von Walter Hirschberg. 2. Aufl.; Berlin: Dietrich Reimer Verlag. 1999
Der Brockhaus multimedial 2005
International Encyclopedia of the Social & Behavioral Science. Neil J. Smelser (Hg). 6. Aufl.; Stanford. USA

Mitschriften:
Mitschrift der Vorlesung: Einführung in die Geschichte der Kultur- und Sozialanthropologie. Andre Gingrich. (16.11.2005; 23.11.2005)
Mitschrift des Tutoriums (19.11.2005)

Internetquellen:
www.wikipedia.org
http://www.iff.ac.at/socec/backdoor/ws0506-vo-sowi/Lecture2_Godelier.pdf
http://durkheim.itgo.com/main.html
http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/DurkheimEmile/
http://www.philosophers-today.com/rezension/durkheim.html